Gerald Mackenthun (Berlin)
November 2020
Die schwedische Schülerin Greta Thunberg hat es innerhalb von zwei Jahren vermocht, aus ihrem Einzelprotest vor dem schwedischen Parlament eine scheinbar weltweite Jugendbewegung zu machen. Im September 2019 hielt Thunberg eine hochemotionale Rede in New York vor Delegierten der Vereinten Nationen: „Sie haben mit ihren leeren Worten meine Träume und meine Kindheit gestohlen. Menschen leiden. Menschen sterben. Das Ökosystem kollabiert! Wir befinden uns im Anfang eines Massenaussterbens, und alles, woran ihr denken könnt, sind Geld und Märchen von ewigem wirtschaftlichem Wachstum. Wie könnt ihr es wagen!"
Hier ist meine Antwort darauf.
Greta Thunberg bekommt Schlagzeilen auf der ganzen Welt, aber das ist kein politisches Handeln. Sie glaubt, dass alles erreichbar ist, „wenn wir es wirklich wollten“. Sie glaubt, dass die Rede vom ewigen Wirtschaftswachstum nur Opportunismus ist, um nicht Wählerstimmen zu verlieren. Das einzig Sinnvolle wäre es aber, jetzt und sofort „die Notbremse zu ziehen“.
Wenn man nur wüsste, was sie darunter versteht. Das Herunterfahren der Produktion, der geringere Konsum, kleinere Wohnungen, weniger Reisen sowie die Gleichberechtigung der Frauen, der freie Zugang zu Verhütungsmitteln und das Recht auf Abtreibung in den geburtenstarken Gesellschaften sind mögliche Maßnahmen. Davon ist bei Thunberg nirgends die Rede. Sie überlässt es den Politikern, Entscheidungen zu treffen. Diese Entscheidungen sind ihr aber nicht weitreichend genug. So beißt sich die Katze in den Schwanz. Thunberg und Fridays for Future fordern sofortige Maßnahmen, ohne zu sagen, welche es sein sollen. Und wenn auf die Erfolge in der Klimapolitik hingewiesen wird, ist ihnen das zu wenig.
Thunberg und Fridays for Future irren in mehrfacher Hinsicht. Der Planet wird nicht einer kleinen Gruppe von Menschen geopfert. Vielmehr profitieren Milliarden von höherer Bildung, besserer Gesundheit und steigendem Lebensstandard. Die dafür notwendigen Gegenstände müssen natürlich produziert werden. Thunberg hält höhere Bildung, bessere Gesundheit und hohen Lebensstandard, von dem nicht zuletzt sie selbst profitiert, für „Luxus der Wenigen“. Sie stellt die rhetorische Frage, was sie, wenn sie selbst alt sein wird, ihren Kindern und Enkeln erzählen soll, wenn diese danach fragen, warum die heutigen Lebenden „nichts unternommen haben“. Abgesehen davon, dass nicht recht klar ist, an wen sie sich wendet – die Politiker, ihre Eltern, die Menschheit insgesamt –, kann man ihr schon heute die Antwort geben:
Liebe Greta,
Sie selbst gehen davon aus, dass Sie ihren 75. Geburtstag im Jahre 2078 feiern werden. Bitte bedenken Sie dabei, dass sie nicht in den ersten Lebensjahren gestorben sind, weil das schwedische Gesundheitssystem ausgezeichnet funktioniert und Sie geimpft wurden. Wir Erwachsene, die Sie so stark für angebliches Nichtstun kritisieren, haben Ihnen Ihre Schule, Internet, Autos, Flugzeuge und Konferenzsäle zur Verfügung gestellt. Noch bevor Sie geboren wurden, wurden in vielen westlichen und industrialisierten Ländern wirksame Maßnahmen zur Luftreinigung und zur Verbesserung der Wasserqualität eingeleitet. Bitte sagen Sie Ihren Kindern und Enkeln, dass dieser hohe Lebensstandard durch den Erfindungsreichtum und die Tatkraft von Abermillionen Menschen geschaffen wurde.
Ja, wir haben es gewagt, ihnen ein sicheres Heim, eine gute Schulbildung, Wärme und Elektrizität rund um die Uhr und eine Zukunft mit guten Aussichten zu schaffen! Immer weniger Menschen leiden, weil westliche Staaten sich bemühen, dass der ökonomische Aufschwung auch ärmeren Ländern zugutekommt. Ökonomische Prosperität finanziert vieles, auch Schulen, Kraftwerke und Krankenhäuser. Vielleicht klären Sie Ihre Kinder und Enkel darüber auf, dass es nur allzu menschlich ist, steigenden Wohlstand zu genießen, und es kaum einen gibt, der darauf freiwillig verzichtet.
Ja, die Generationen vor Ihnen haben den heutigen jungen Menschen ermöglicht, die Schönheit der Welt zu sehen, in einem Umfang, den sie früher nie gehabt hat. Nie vorher gab es eine Gesellschaft, in der es so wenig Unterdrückung gab, so wenig Erniedrigte und Beleidigte, wie bei uns. Nie zuvor gab es so viele, die bereit sind, Opfer zu bringen, um den Hunger und das Elend anderer zu lindern.
Wir, die wir etwas älter sind als Sie, haben Ihnen und Ihren Kindern nicht die Zukunft gestohlen, sondern vielmehr einen sicheren Weg in die Zukunft bereitgestellt, mit ausreichender Nahrung, einem hohen medizinischen Standard, guter Schulbildung für alle und einem sicheren Rechtssystem. Sie und Ihre Kinder können mit Zuversicht in die Zukunft blicken. Die industrialisierten Staaten sind dabei, langsam aber sicher fossile Brennstoffe durch regenerative Energien zu ersetzen. Das System muss nicht geändert werden. Der Wandel ist bereits eingeleitet.
Mit freundlichen Grüßen
Gerald Mackenthun (Berlin)
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