Gerald Mackenthun (Berlin)
Mai 2024
An vielen Hochschulen der westlichen Welt demonstriert die künftige Elite der Nationen für ein „freies Palästina“. Sie unterstützen ein Terrorregime und verraten die Ideale der Demokratie. Das hat eine längere Geschichte, die in die Studentenproteste der 60er und 70er Jahre zurückreicht.
Die Frankfurter Schule war eine esoterische Gruppe, wirklich verständlich nur einem kleinen Kreis, von dem der Zeitgeist keine Notiz nahm. Und doch haben diese Denker für die intellektuelle Bundesrepublik eine bedeutende Wirkung entfaltet. Dies aber nur unter der Bedingung von im Grunde unzulässigen Verallgemeinerungen, indem sie als Stichwortgeber der Studentenbewegung fungierten. Danach gehören Frankfurter Schule, Studentenbewegung und 1968 zusammen wie Lenin, die Bolschewiki und die russische Revolution.
Dass die westdeutsche APO und die Studentenbewegung nicht eine Weiterentwicklung und Stärkung der Demokratie, sondern eine Diktatur des Proletariats im Sinn hatten, geht aus den damaligen Schriften hervor. Inoffizielles Zentralorgan der Bewegung war das von Hans Magnus Enzensberger herausgegebene Kursbuch. Es begleitete nicht bloß die Revolte, sondern wies ihr die Richtung. Die Ausgabe Nummer 12 hatte den Titel „Der nicht erklärte Notstand“. Kurz zuvor, am 2. Juni 1967, war der Student Benno Ohnesorg in West-Berlin von einem Berliner Polizisten erschossen worden. Die Studenten und die Kursbuch-Autoren wähnten sich im Bürgerkrieg. „Das einzig Richtige ist, ein Gewehr zu nehmen und zu kämpfen“, schrieb Peter Weiss. Sein Nachruf auf Che Guevara, der in Bolivien erschossen worden war, ist ein Plädoyer für „direkte und unverzügliche Aktion“ nach Vorbild der Revolutionäre in Lateinamerika und Vietnam. Die Befreiung hatte in der Dritten Welt begonnen und sollte von dort aus ins Zentrum der Repression getragen werden, nach Europa und in die USA. Das ist eine der Wurzeln der heutigen Palästina-Begeisterung. Die Hamas und die Menschen des Gaza-Streifens werden als Befreiungskraft angesehen.
An eine solche Dynamik glaubte auch Rudi Dutschke, der prophezeite: „Dieser revolutionäre Krieg ist furchtbar, aber furchtbarer würden die Leiden der Völker sein, wenn nicht durch den bewaffneten Kampf der Krieg überhaupt abgeschafft würde.“ Das Recht auf gewaltsamen Widerstand müsse zum Sturz der Unterdrücker führen. Der Übergang von der bürgerlichen zur kommunistischen Gesellschaft schien unmittelbar bevorzustehen.
Die Kursbuch-Autoren sprachen vom „Verblendungszusammenhang“, einem Wort, das Adorno geprägt hatte. Die eigene Verblendung der bundesdeutschen Linken wurde übersehen, so wenn Kuba, China, Nordvietnam und Nordkorea als die eigentlichen „befreiten Länder der Welt“ bezeichnet wurden. Jetzt soll „Palästina“ befreit werden. Die damals von Mao ausgerufene Kulturrevolution forderte Hunderttausende Todesopfer. Viele verhungerten. Die Arbeitslager in den „befreiten Ländern“ bedeuteten keine Freiheitsberaubung und Sklavenarbeit, sondern seien gesellschaftlich notwendig. Der „sozialistischen Avantgarde“ gehöre auch in Westdeutschland die Zukunft. Die Bürokratie in den Ostblock-Staaten könne kein Vorbild sein. Der Terror des Guerillakrieges wurde glorifiziert.
Mit den Erwachsenen könne man nicht diskutieren, rief die spätere Terroristin Gudrun Ensslin, „das ist die Generation von Auschwitz“. APO und Studentenbewegung unterlagen mit ihrer Kritik der westdeutschen Gesellschaft als Fortsetzung der Naziherrschaft einem weiteren Irrtum. Die von der „antifaschistischen“ DDR übernommene Parole lautete, dass in der BRD weitgehend alte Nazis das Heft in die Hand genommen hätten. Ein bis weit in die 1960er Jahre hinein wirksamer Drang zum Vergessen und Verschweigen des Nationalsozialismus war treibendes Motiv der Studentenbewegung. Die Karrieren von ehemaligen nationalsozialistischen Funktionsträgern waren ihnen Beweis.
Es wurde nicht unterschieden zwischen ihrer Rolle im NS-Staat und ihrem konkreten Handeln in der Bundesrepublik. Kaum einer der ehemaligen Funktionsträger fiel durch explizites nationalsozialistisches Verhalten auf. Die personelle Kontinuität war keine inhaltliche. Wenn sie unter der NS-Diktatur funktionierten, so bewegten sie sich doch nach 1945 auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Ordnung. Es war mühsam, „alte Nazis“ aufzuspüren. Es gab ein paar Dutzend Fälle, die in Presse und Politik gebührende Aufmerksamkeit erhielten. Bei Hunderttausenden von Amts- und Funktionsträgern fielen sie kaum ins Gewicht. Die Alliierten konnten unmittelbar nach dem Krieg auf viele politisch unbelastete Deutsche zurückgreifen, um Verwaltung, Justiz, Presse und Wissenschaft rasch aufzubauen.
1983 lancierte der 1926 geborene Philosoph Hermann Lübbe die These, dass es gerade das weitgehende Schweigen über die Nazi-Vergangenheit gewesen sei, das den Weg Westdeutschlands zur Demokratie erleichterte. Das Schweigen diente der (demokratischen) Disziplinierung der alten NS-Kader. So konnten sie ohne nennenswertes Aufheben in die neue Demokratie integriert werden. Den Preis für das Beschweigen hatten die Opfer der NS-Diktatur zu zahlen. Es dauerte einige Jahre, bis die großen Prozesse gegen zentrale Nazis stattfanden.
Die Lücke des Schweigens füllte die Studentenbewegung aus, die ihre Elterngeneration pauschal des Nazitums bezichtigte. Die Umschreibung der Geschichte der Bundesrepublik als ungebrochenes Kontinuum des Nationalsozialismus sorgte für eine „Atmosphäre des Verdachts“ (Lübbe). Sie war mitverantwortlich am Zerfall der Autorität der Institutionen, an der Auflösung der Familie, der Zerstörung des Nationalgefühls, dem Verlust geistiger Traditionen, der umfassenden Sexualisierung der Gesellschaft, dem Verständnis von Verbrechern als Opfer sozialer Umstände, der Verächtlichmachung von Pflicht und Opferbereitschaft und der Technikfeindschaft. Den Revolutionären war nicht bewusst, dass ihr Sarkasmus und Hohn die unmenschliche Sprache der Nazis fortsetzten. Enzensberger und andere erklärten die Nutzlosigkeit der Literatur. Für Schriftsteller werde sich schon eine „nutzbringende Beschäftigung finden“ – im Arbeitslager. Die Entwicklung einer jeden gewaltbereiten Revolte zum Terror scheint unausweichlich.
Eine Totalkritik, die alles Bestehende für verdorben hält – ein Beispiel dafür ist Marcuses Gesellschaftskritik – lässt den kritischen Abstand zur Gesellschaft zu groß werden. Nur wenn der Kritiker dem Menschen nahebleibt, kann seine Kritik effektiv sein. Spengler, Benn, Marcuse, Adorno, Horkheimer und sogar Fromm flüchteten sich in eine geistige Exterritorialität. Wenn dies geschieht, schlägt Kritik in Hybris oder in einen Herrschaftsanspruch um. Der Kritiker wird zum selbst ernannten Führer aus dem Jammertal oder aber zum Defätisten oder Nihilisten, der die Welt von seiner Hoffnungslosigkeit überzeugen will. Der gebildete Philosoph braucht Unabhängigkeit, braucht Freiheit von Regierungsverantwortung, von religiösen Autoritäten, von der Macht der Großunternehmen und von der Parteidisziplin. Er bleibt aber idealerweise auch mitten unter den Menschen. Er steht in Opposition, aber niemals absolut.
Der Streit über die Bewertung der Frankfurter Schule und die Studentenbewegung ist nicht beendet. Sexuelle Revolution, antiautoritäre Erziehung oder auch gestiegene Scheidungsraten können als befreiend verbucht werden. Es gibt unmittelbar greifbare Folgen wie die Existenz von integrierten Gesamtschulen, mehr noch aber muss man die untergründigen Wirkungen beachten, namentlich die enorm gewachsene politisch-moralische Sensibilität gegenüber Gewalt und Autorität, den Sinn für die Verletzlichkeit von Kindern oder die Gleichheit der Geschlechter.
Starke Impulse gaben Adorno und Horkheimer einer Bildungspolitik, die das Ende der Ordinarien-Universität beförderte. Adornos Schrift Erziehung zur Mündigkeit (1971) war ein Bestseller. Die ins Nachkriegsdeutschland zurückgekehrten Frankfurter Denker sahen die Chance, eine Wiederkehr des Nationalsozialismus zu verhindern, weniger im Umbau der „kapitalistischen Produktionsverhältnisse“ als in demokratischer Umerziehung nach amerikanischem Muster. Ihre Furcht galt dem „autoritären Charakter“ und dessen Vorurteilsstrukturen. Die radikale Negativität der Kritischen Theorie spielt kaum noch eine Rolle. Herbert Marcuse, einst der Star einer revolutionär gestimmten neuen Linken, ist nahezu vergessen. Die libertäre Erziehung hat konservative Gegenbewegungen erzeugt. Die zeitweilige kulturelle Dominanz der Linken ist gebrochen.
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