Autor und Psychologe Gerald Mackenthun (Berlin)
Autor und Psychologe Gerald Mackenthun (Berlin)

Corona-Jahr 2020

Es gibt an den Menschen mehr zu bewundern als zu verachten

Gerald Mackenthun (Berlin)

November 2020

 

Ängste und Hoffnungen wechseln sich im Tagesrhythmus ab. International vernetzt arbeiten Biologen rund um die Uhr an dreierlei: an Tests zum Infektionsnachweis, der Entwicklung eines Impfstoffes und an einem Medikament. Die sozialen Einschränkungen verändern die gewohnte Lebensweise vieler Menschen in grundsätzlicher und ungewohnter Weise.

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Das Coronavirus hat inzwischen nicht nur Hunderttausende Menschen infiziert, sondern auch sämtliche Mediensparten befallen. Es gibt derzeit nicht zu wenige Informationen, sondern es sind zu viele, und es ist nicht leicht zu sagen, was davon beachtenswert ist. Überall tummeln sich Experten der Zukunft und Matadore des Bedenkens, aber nicht alle haben unsere Aufmerksamkeit verdient. Wie inzwischen viele andere hören wir den Podcast von Christian Drosten regelmäßig. Er ist Leiter der Virologie an der Berliner Universitätsklinik Charité. Bei ihm kann man wissenschaftliches Denken lernen. Wissenschaftliches Denken ist nüchtern und rational; es kommt ohne Schuldzuweisung, Verschwörungswahn und Hysterie aus.

Die Corona-Krise folgt bei aller Neuartigkeit einem typischen sozialpsychologischen Reaktionsmuster: Auf eine Phase von Abwehr und Verharmlosung folgt die Etappe der ernsthaften Auseinandersetzung und der fast einmütigen Forderung nach umfassenden Maßnahmen, die in einer weiteren Bewegung nun ihrerseits hinterfragt werden. Und tatsächlich taucht bereits die Forderung nach einer „Exit-Strategie“ auf. Die sozialen und wirtschaftlichen Folgen werden gegen den Gesundheitseffekt abgewogen. Die Kritik wird sich wahrscheinlich verstärken. Intellektuelle Schwarzseher wie der italienische Philosoph Giorgio Agamben und der Bonner Philosoph Markus Gabriel sehen die Menschen durch staatliche Vorschriften auf „eine rein biologische Funktion“, auf einen „Virenträger“ reduziert.

Agamben behauptet in einem Beitrag für die NZZ ("Nach Corona: Wir sind nurmehr das nackte Leben", NZZ, 18. März 2020), die Pandemie sei nur eine „angebliche“, die Vorsichtsmaßnahmen völlig überzogen. Die staatlich verfügten Bewegungseinschränkungen dienten dazu, den Ausnahmezustand zum Normalzustand zu machen. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass für Agamben eine Pandemie kein ausreichender Grund sei, die Sicherheitsmaßnahmen zu erhöhen und gesundheitliche Vorsorgemaßnahmen zu verordnen.

Die sogenannte Hongkong-Grippe 1968 bis 1970 war aggressiver als Corona und kostete wohl mehr als 1 Million Menschen weltweit das Leben, darunter in Deutschland schätzungsweise 40.000. Die Hongkong-Grippe entstand aus einer Kombination von Geflügelpest-Viren mit Influenzaviren. Damals wurden keine Schulen, Betriebe und Restaurants geschlossen. Das ist ganz im Sinne Agambens.

Der Philosoph Slavoj Zizek hat auf Agamben geantwortet ("Der Mensch wird nicht mehr derselbe gewesen sein: Das ist die Lektion, die das Coronavirus für uns bereithält", NZZ, 13. März 2020). Agambens Analyse sei von einer Überwachungsparanoia befeuert, die überall staatliche Gängelungsmaßnahmen wittert und das Virus als politisches Konstrukt abtut. Agamben blende die Realität der Gefahr aus.

Noch aber hält sich die überwiegende Mehrheit der Menschen an die angemahnten Vorsichtsmaßnahmen. Sie haben begriffen, dass es darum geht, die Zahl der Ansteckenden niedrig zu halten, um das Gesundheitssystem nicht zu überfordern. Einige können der Entschleunigung sogar etwas Positives abgewinnen: weniger Gehetztsein, weniger Aufgaben, ein etwas ruhigeres Leben.

Einige spekulieren über die Folgen. Der Physiker und Science-Fiction-Autor Heinz Steinmüller erwartet – wie ich – nach dem Ende der Pandemie keine grundlegenden Verhaltensänderungen. Die hat es schon nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 nicht gegeben. Natürlich haben sich die Sicherheitsvorkehrungen nicht nur an Flughäfen verschärft, das tangiert aber nicht grundlegend unseren Lebensvollzug. Wie üblich werden die Notfallpläne angepasst und die Vorsorgemaßnahmen verstärkt. Vielleicht wird die Zahl der Geschäftsreisen und Kreuzfahrten ein wenig sinken. Die Online-Kontakte waren unbefriedigend und haben den Wert des direkten Austausches zwischen Menschen erneut deutlich werden lassen. Die Menschen, zumindest im Westen, werden sich ihre Mobilität nicht nehmen lassen. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Die sogenannten sozialen Netzwerke sind nur eine zusätzliche Möglichkeit der Kontaktaufnahme. Mit einem Wort, sagt Steinmüller, werden wir nach der Krise unsere Lebensstile höchstens minimal ändern.

Unter anderem zeigt sich jetzt der Wert der Nationalstaaten. Diese können gezielter auf die Situation im eigenen Land reagieren. Es ist kein Nachteil, einen Flickenteppich auch zeitlich differenzierter Maßnahmen zu haben. Föderalismus bedeutet Unterschiedlichkeit. Wir haben nicht die Vereinigten Staaten von Europa, sondern einen Bund souveräner Staaten, die langsam, aber immer mehr Souveränitätsrechte an die Europäische Union abgeben. Selbstverständlich wird die Dichte der Kooperation nach dieser Krise zunehmen, aber es bleibt beim Austritt Großbritanniens aus der EU. Auch der Trend zur Globalisierung ist in Köpfen und Herzen der Menschen fest verankert. Die internationale Arbeitsteilung wurde nicht erschüttert. Nur punktuell kam es zu Lieferengpässen.

Es ist von Verzicht die Rede. Auch das ist kein neues Phänomen. Einzelne haben sich immer damit beschäftigt und ihre Konsequenzen gezogen. Einigen dämmert jetzt, dass etwas weniger Konsum kein großer Verlust ist. Der Grad der Höflichkeit und der Verbindlichkeit scheint mir ein wenig angehoben zu sein. Ausgiebige Spaziergänge haben wir schon immer gemacht. Einige lesen jetzt Bücher, viele schauen jetzt vermehrt Netflix-Serien. Der Trivial-Trash in den Fernsehkanälen hat nicht abgenommen.

Der Zukunftsforscher Matthias Horx hofft auf ein Medikament schon im Sommer. Unabhängig davon, ob es so schnell geht: Schon in wenigen Wochen wird die Menschheit gelernt haben, mit Corona zu leben. Es ist ein neuer Geschwindigkeitsrekord. Vielleicht hilft das digitale Nachverfolgen von Bewegungsprofilen. Noch sträubt sich der Datenschutzbeauftragte, aber wir haben in den vergangenen Wochen gesehen, wie schnell Positionen geräumt werden, die noch kurz zuvor als unverhandelbar galten.

Was ist das Recht des Infizierten, nicht andauernd beobachtet zu werden, gegen den Tod anderer, den er eventuell auslöst? Das fragt der Journalist und Architekturkritiker Niklas Maak in einem Beitrag für die FAZ („Ein Zentrum, was ist das?“, 28. März 2020, S. 11). Diese Frage wurde bereits am Anfang der Aids-Epidemie, zu Beginn der 1980er Jahre, leidenschaftlich diskutiert. „Keine Rechtfertigung für Lust“ lautete eine der Parolen der Aids-Aktivisten. Doch einer, der einen tödlichen Virus für sich und andere in sich trägt, muss sich für sein Verhalten rechtfertigen. Die Frage führt, so gestellt, immer zur Einschränkung der Freiheit. Quarantänemaßnahmen sind das klassische Mittel zur Eindämmung von Seuchen.

Horx (»Die Welt nach Corona«, Die Welt, 16. März 2020) rechnet nicht mit einem wirtschaftlichen Zusammenbruch, trotz einiger Ökonomen, die das Gespenst an die Wand malen. Die Reduktion der wirtschaftlichen Leistung um ein paar Prozent ist kein „Zusammenbruch“, und auch das Gesundheitssystem wird nicht „zusammenbrechen“, jedenfalls nicht bei uns in Deutschland. Die Wirtschaft und das Gesundheitssystem werden sich erholen, ebenso die Börsenkurse. Auch früher kam es nie zu einem Nullpunkt. Trotz aller Krisen und Umbrüche geht unterhalb davon das Leben der Menschen weiter. Neben der globalisierten Ökonomie werden sich die lokalen Produktionen verstärkt behaupten können. Psychologisch interessant bleibt die Frage, warum bislang fast alle Prognosen Abstiegsprognosen sind.

Einen Satz von Horx möchte ich nur zu gerne erfüllt haben: „Vielleicht werden wir uns sogar wundern, dass Trump im November abgewählt wird.“ Ich sehe auch keine lange Lebensdauer für die AfD. Diese Partei hat zu echten Zukunftsfragen nichts beizutragen. Das gilt meines Erachtens auch für Fridays for Future. Außer der Forderung, es müsse „schnell“ „etwas“ geschehen, hat diese Bewegung nichts zu bieten. Nun ist tatsächlich schnell etwas geschehen, nämlich ein Herunterfahren der wirtschaftlichen und sozialen Aktivitäten. Satellitenaufnahmen zeigen eine drastische Reduktion von Luftschadstoffen in China (und vermutlich auch anderswo). Die Fridays-for-Future-Bewegung müsste sich freuen, tut sie aber nicht. Sie hält sich intuitiv zurück, denn ihre Forderung nach radikalen Maßnahmen zum Klimaschutz laufen eben auf das hinaus, was wir derzeit erleben: ein radikales Herunterfahren der ökologischen und sozialen Aktivitäten mit der Folge Kurzarbeit, Verlust von vielen Arbeitsplätzen und steigender Armut für einige Bevölkerungsgruppen. Das wiederum bedeutet, dass die Umweltbewegung nicht von der Corona-Krise profitieren wird. Im Augenblick tritt der weltweite Klimaschutz hinter die Bewältigung der Virus-Herausforderung zurück. Die Umweltschutzbewegung hat in der jüngeren Vergangenheit immer beklagt, dass zu wenig auf die Wissenschaftler gehört wird. Jetzt, in der Conan-Krise, werden Virologen und Epidemiologen zu geschätzten Gesprächspartnern der Politik, deren Empfehlungen weitgehend gefolgt wird.

Sorgen bereitet mir etwas anderes: Die Erwartungen an den Staat wachsen tendenziell ins Uferlose. Politiker begehen oftmals den Fehler, unrealistische Versprechungen abzugeben. Wenn diese dann – wie mit gesundem Menschenverstand zu erwarten gewesen ist – nicht erfüllt werden, sind Wut und Aufregung groß. Zu dieser Erwartungshaltung gehört, dass der Staat alle Lebensrisiken nicht nur abfedern, sondern zu 100 Prozent kompensieren soll. Überall versprechen Präsidenten, Kanzler und Minister, es werde genügend Geld vorhanden sein, damit kein Unternehmen Konkurs geht und kein Arbeitnehmer seine Stelle verliert. Das wird nicht zu erfüllen sein. Es gibt keine Branche, die ankündigt, aus eigenem Vermögen die Krise meistern zu wollen. Alle rufen nach dem Staat, alle melden Forderungen an. „So können die Sozialdemokraten ihre Befriedigung kaum verhehlen, dass die ungeliebte Schuldenbremse vorerst Geschichte ist.“ Das schreibt der Chefredakteur der NZZ, Eric Gujer, in einem Kommentar am 27. März 2020.

Von links und rechts heißt es, die Liberalisierung und die Globalisierung habe die Krise befeuert und der freie Markt sei unfähig, diese zu meistern. Covid-19 werde als Vorwand dienen, um mit umso mehr Nachdruck Steuererhöhungen und mehr Staatsausgaben zu fordern, also die Schuldenlast wieder zu erhöhen. Dabei trifft der Erreger gerade diejenigen EU-Staaten am stärksten, die nach der Euro-Krise keine Vorsorge getroffen und Schulden abgebaut haben. Die Maastricht-Kriterien, die die wirtschaftlich gefährlich hohe Staatsverschuldung begrenzen sollen, sind in der aktuellen Situation veraltet. Für liberale Politiker stellt diese Krise eine besondere Herausforderung dar. Sie unterstützen eingreifendes Regierungshandeln, gegen das sie sonst Sturm laufen würden.

Werden diejenigen Kräfte von links und rechts, die in den vergangenen Jahren den Staat und dessen Führungspersonal kontinuierlich madig gemacht, die das Gerede vom Staatsversagen unter die Leute gebracht und Hass auf die sogenannten Eliten propagiert haben, an Zulauf gewinnen? Die große Mehrheit der Deutschen ist mit dem Krisenmanagement der Regierung einverstanden. Sie verbindet damit in erster Linie Bundeskanzlerin Merkel und den Bundesgesundheitsminister Spahn von der CDU. Zudem wird der bayerische Ministerpräsident Söder (CSU) als beherzt, entscheidungsfreudig und zupackend angesehen. Das Dauer-Bashing vom linken und rechten Rand erscheint einem Großteil der Bevölkerung in der Krise als unpassend frivol; Lösungen haben weder Linke noch AfD im Angebot. Kein Mensch kann seriös vorhersagen, wann die Ausbreitung des Coronavirus so weit eingedämmt sein wird, dass die Auflagen und Ausgangsbeschränkungen wieder gelockert werden können, so dass das öffentliche Leben, inklusive der Wirtschaft, zu einer gewissen Normalität zurückkehren kann.

Das Buch der Stunde ist „Die Pest“ von Albert Camus, veröffentlicht 1947. Eine Lehre des Buchs lautet, schrieb Otto Friedrich Bollnow in einem Essay über Camus’ Pest, „dass … die unheimliche Bedrohtheit unaufhebbar zum Wesen des Lebens gehört“. „Der Alte hatte recht“, heißt im letzten Absatz der „Pest“, „die Menschen blieben sich immer gleich. Aber das war ihre Kraft und ihre Unschuld“. Der Arzt Rieux, dem der Bericht über die Pest in der Stadt Oran zugeschrieben wird, „wollte schlicht schildern, was man in den Heimsuchungen lernen kann, nämlich daß es an den Menschen mehr zu bewundern als zu verachten gibt.“ Der Leser nimmt die Gewissheit mit, dass Mut, Willenskraft und Nächstenliebe auch ein scheinbar unabwendbares Schicksal meistern können.

Priv.-Doz. Dr. Gerald Mackenthun

Dipl.-Politologe

Dipl.-Psychologe

Dr.phil.

Privat-Dozent für Klinische Psychologie

 

Email gerald.mackenthun@gmail.com

 

Büro 030/8103 5899

0171/ 624 7155

 

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